Samstag, 11. Februar 2012


Interview

Dienstag, 20. Juli 2010 | Interview

Agentur gegen Redesign – "Nicht jedes Redesign ist schlimm"

(Link zum Artikel: http://www.sda-area.de/cod//056354)
  • Teilen
  • kommentieren
  • empfehlen
  • Bookmark and Share

Friedrich Forssman ist Geschäftsführer der Agentur gegen Redesign. Im Gespräch mit CREATE OR DIE erklärt er, warum man berechtigte Abneigungen gegen Redesigns hegen kann und wie er seine Kunden von unnötigen Umgestaltungen der Webseite abbringt.

CREATE OR DIE: Herr Forssman, Sie sind Geschäftsführer der "Agentur gegen Redesign". Was ist so schlimm an einem Redesign?
Friedrich Forssman: Natürlich ist nicht jedes Redesign schlimm. Aber zu viele sind es eben doch. Wenn man ein gutes Design gefunden hat, und das streben wir ja alle an, dann ist es auch deshalb gut, weil es haltbar ist und Identität stiften hilft. Wenn sich Verspannungen innerhalb von Firmen aufbauen, sei es durch Umstrukturierungen, sei es durch Führungswechsel, sei es durch zuviel schädliche Routine, entladen sie sich regelmäßig über Aktivismen in Richtung Neugestaltung. Jeder Gestalter kennt die Situation einer Vorbesprechung, in der alle möglichen Probleme deutlich werden, die mit Gestaltung gar nichts zu tun haben.

Und da ist die "Agentur gegen Redesign" der Ansicht, daß andere, therapeutische, Maßnahmen besser sind als das teure Umwerfen einer bewährten, vertrauten, vorhandenen Gestaltung, ohne Nutzen und damit zum Schaden für den Auftraggeber (und, beim Umwerfen einer ikonischen Gestaltungsleistung, auch zum Schaden der Öffentlichkeit und der grafischen Kultur). Ebenso ist aber klar: Wo aber eine Gestaltung nicht oder nicht mehr gut genug ist, kann Redesign mit definierten Zielen und bei systematischem Vorgehen eine sehr gute Idee sein.

CREATE OR DIE: Welche ästhetischen Mindestkriterien muss eine Webseite Ihrer Meinung nach denn erfüllen?
Forssman: Die "Agentur gegen Redesign" sieht sich keineswegs in erster Linie als Beraterin zur Verhinderung von Web-Redesign. Aber natürlich auch. Einen speziellen Mindestkritierenkatalog kann es nirgends geben, wenn man von absoluten Selbstverständlichkeiten wie Benutzbarkeit, Konsistenz und gelungener Ästhethik absieht. Und selbst diese Kriterien können jederzeit in Frage gestellt werden, wenn es der Sache dient.

CREATE OR DIE: Was sagen Sie Ihren Kunden bzw. wie versuchen Sie, jemanden von einem bevorstehenden Redesign abzubringen?
Forssman: Eine Sympathiekundgebung für das Vorhandene stößt erfreulich oft auf Überraschung und Zustimmung. Design wirkt ja zunächst auch identitätsstiftend nach innen, und vielen Mitarbeitern ist das Firmen-, Druckwerk-, Web- oder was-auch-immer-Design ans Herz gewachsen. Da kommt eine Äußerung der "Agentur gegen Redesign" häufig als hochwillkommene Argumentationshilfe.

CREATE OR DIE: Auf Ihrer Homepage schreiben Sie, Sie würden sich teilweise auch selbstständig bei Firmen melden, um von einem Redesign abzuraten. Wann ist das der Fall?
Forssman: Wenn die Buschtrommeln verkünden, daß ein Redesign in einem Fall droht, wo das vorhandene Design gut und zukunftsfähig ist. Oder auch prophylaktisch durch unangefragtes, präzise begründetes Lob des Vorhandenen aus heiterem Himmel.

CREATE OR DIE: Was halten Sie vom Internet Explorer 6? Muss ein Webdesigner auch User berücksichtigen, die immer noch mit dem Old-School-Browser ins Netz gehen?
Forssman: Das ist kein spezifisches Redesignproblem. Es wird unter Leuten, die Webdesign interessant finden, nicht viele Freunde von Hackerbrowsern aus dem vorigen Jahrtausend geben. Ich sehe aber nicht, wie das Problem gelöst werden soll: Bekanntlich nutzen etwa 20 Prozent der Internetnutzer uralte Browser, und wir müssen auch diesen Leuten mehr bieten als einen "Rüsten Sie Ihren Rechner auf"-Hinweis.

CREATE OR DIE: Sie sind bekannt als Buchgestalter und Typograf. Woher kommt Ihr Interesse an Webdesign und Ihre gezielte Abneigung gegen Redesigns?
Forssman: Abgesehen davon, dass zu Buchgestaltung und Typographie längst auch Ausstellungsgestaltung gekommen ist, ist Webdesign ein Gebiet, das Fragen aufwirft, die mit der Denkweise, die für Buchgestaltung notwendig ist, eng zusammenhängen: Informationsstrukturierung, intuitive Benutzbarkeit, dann das Thema "Vertrautheit versus Erneuerung" und die Tiefenstaffelung von zunächst Zweidimensionalem.

Die Abneigung gegen Redesign hatte sich in einer Vorbesprechungs- und dann Präsentationssituation ergeben, als sich die oben angesprochenen Probleme unabweisbar darstellten: Weder gab es im Briefing klare Gründe, Ziele und Kriterien für die Neugestaltung, noch war die Präsentation ein fruchtbares Miteinander, sondern alles war so verfahren, hierarchisch und heikel, dass ich spontan den Vorschlag machte, alles so zu lassen, wie es war (es handelte sich um einen ausgezeichneten, jahrzehntealten Entwurf eines hochberühmten Spitzendesigners) und aus dem Unterlassen einer Neugestaltung eine öffentlich inszenierte große Sache zu machen. Das wäre lustig, innovativ (weil anti-innovativ) und extrem kostensparend gewesen. Der Vorschlag wurde sogar für amüsant befunden, aber dann doch verworfen. Schließlich kam es zu einer müden, kompromissstarrenden Lösung, die von der ersten Minute an schwächer und älter wirkte, als das Vorhandene je hätte wirken können. Und so war die "Agentur gegen Redesign" geboren.

CREATE OR DIE: Herr Forssman, wir danken für das Gespräch.

Das Gespräch führte Jürgen Telkmann.

Kommentare

Folgende Links könnten Sie auch interessieren