Samstag, 11. Februar 2012 |
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André Schnabel war QA-Projektleiter bei OpenOffice.org und ist der QA-Verantwortliche für die deutschsprachigen Versionen. Nach den Interoperabilitäts-Diskussionen um Microsoft und Novell, nach Word-Sicherheitslücken, die im OpenOffice Writer aufgetaucht sind - Zeit für eine kleine Bestandsaufnahme, wie man bei OpenOffice.org die Lage beurteilt.
Vor kurzem war eine Sicherheitslücke in Microsofts Word-Dokumenten aufgetaucht, die – sofern man die Datei mit OpenOffice importiert hat – entsprechend auch in OpenOffice zum Risiko wurde. Vor dem Hintergrund der Interoperabilitäts-Debatte zwischen Novell und Microsoft: Wird man den Viren & Co. aus der Microsoft-Welt in Zukunft verstärkt in OpenOffice begegnen?
André Schnabel: Auch wenn wir die Interoperabilität stetig verbessern, wird OpenOffice.org sicher nicht "viruskompatibel" zu Microsoft Office. Viren nutzen sehr spezielle Fehler aus, die stark implementationsabhängig sind. Im konkreten Fall führt eine entsprechend präparierte Word-Datei zwar zum Absturz von OpenOffice.org, kann aber nicht dazu genutzt werden, Code auszuführen.
Wie hat man sich bei OpenOffice.org auf dieses (neue) Szenario eingestellt? Also, gibt es zum Beispiel eine spezielle Roadmap, schaut man sich Sicherheitslücken aus MS-Office gezielt an…?
André Schnabel: Es gibt seit geraumer Zeit ein dediziertes Security-Team innerhalb OpenOffice.org, welches sich um die schnelle Bearbeitung sicherheitsrelevanter Probleme kümmert, aber auch an einer Verbesserung unserer Sicherheitskonzepte arbeitet. Um konkrete Probleme aufzudecken ist es sicher hilfreich, Sicherheitslücken in MS-Office zu untersuchen.
Sie bieten einen Anhaltspunkt, wo es bei der Programmierung zu Fehlern kommen kann - leider sind Programmierer nicht unfehlbar.
Die Verbesserung unserer Sicherheitsstrategie ist aber ein kontinuierlicher Prozess. Hierbei helfen uns z.B. die Erkenntnisse aus der Sicherheitsstudie des französischen Verteidigungsministeriums. Die Ergebnisse dieser Zusammenarbeit werden Schritt für Schritt in unsere Software einfließen.
Novell hatte angekündigt, seinen Code zur Unterstützung von Microsofts OpenXML-Format auch OpenOffice.org zur Verfügung stellen zu wollen. Vielleicht auch vor den Hintergrund dieser Microsoft/Novell-Debatte: Welche Rahmenbedingungen müssen aus Ihrer Sicht hierzu erfüllt werden? Begrüßen Sie hier das Engagement von Novell, oder würden Sie sich wünschen, dass man solche Dinge vorher gemeinsam abstimmt?
André Schnabel: Der Code muss den rechtlichen Anforderungen entsprechen, d.h. er muss unter LGPL lizenziert und frei von Ansprüchen Dritter sein. Er muss auf allen Plattformen (mindestens Windows, Linux und Solaris) funktionieren und den Erwartungen der Anwender entsprechen. Diese Anforderungen gelten natürlich nicht speziell für Novell, sondern für jeden Beitrag zu OpenOffice.org.
Beiträge, die OpenOffice.org voranbringen begrüßen wir, gerade dann wenn es sich um eine aktive Entwicklung handelt. Eine frühzeitige Abstimmung mit der Community ist aber immer wünschenswert - schon um Missverständnissen und Gerüchten vorzubeugen.
Das Novell in seiner OpenOffice-Variente OpenXML unterstützt ist ja schön und gut – welche akuten Hürden bestehen darüber hinaus zwischen Ihrer und Microsofts Office-Lösung? An welchen Ansätzen arbeiten Sie zurzeit?
André Schnabel: Bezieht man sich auf den Kern der Office-Lösungen, sind die Hürden nicht mehr so groß, wie viele annehmen mögen. Writer ist als Textverarbeitung bereits jetzt Word in einigen Punkten überlegen. Ein Kritikpunkt an Calc wird demnächst mit einem neu entwickelten Diagrammmodul ausgeräumt.
Inzwischen wird es aber immer wichtiger, OpenOffice.org in Unternehmensabläufe einzubinden. Das kann nur dann gelingen, wenn Dritthersteller ihre Lösungen auf OpenOffice.org abstimmen. Um dies zu ermöglichen wird zurzeit z.B. an der Erweiterung des Extension-Konzeptes und an einer besseren Integration in externe Entwicklungswerkzeuge gearbeitet.
Da Novell nun schon dabei ist (medienwirksam) OpenOffice und Microsoft Office aneinander näher zu bringen – welche nächsten Schritte würden Sie sich von Seiten Novells erhoffen?
André Schnabel: Ich persönlich würde es begrüßen, wenn für OpenOffice.org mehr eigenen Konzepte entwickelt werden. Sicher - Microsoft Office ist ein erfolgreiches Produkt und demzufolge eine nahe liegende Referenz. Aber auch dort ist nicht alles optimal, weshalb hätte Microsoft die Oberfläche von Office 2007 sonst komplett überarbeiten sollen?
Mit "Better Desktop" hat Novell ein interessantes Usability-Projekt ins Leben gerufen. Analoge Studien wären auch für OpenOffice.org sehr hilfreich.
Dass man einheitliche Dateiformate und die in letzter Zeit viel zitierte Interoperabilität anstrebt, ist für den Kunden natürlich eine schöne Sache. Aber wenn Openoffice und Microsoft Office sich näher kommen - und vergleichen tut man beide Produkte ja heute schon -, wie bewahrt sich OpenOffice sein eigenes Profil?
André Schnabel: Interoperabilität bedeutet keineswegs Gleichmacherei. Auch wenn sich ein Microsoft-Anwender schnell in OpenOffice.org zurechtfindet, bleibt doch genügend Raum für eigene Konzepte. So möchte ich auf den Navigator oder Formatvorlagen für Grafiken auf keinen Fall verzichten. Beides kann Microsoft Office nicht bieten - genauso wenig wie wirkliche Plattformunabhängigkeit oder die hohe Integration der einzelnen Office-Komponenten.
Dass ein einheitliches Dateiformat dazu führt, dass Programme sich annähern ist ein Fehlschluss. Dazu muss das Dateiformat allerdings applikationsunabhängig sein, wie z.B. ODF oder XHTML. Das Dateiformat definiert dann nur noch, wie Dokumente abgespeichert werden. Wie sie erzeugt und bearbeitet werden, bleibt dem Programm und letztendlich mir, dem Anwender, überlassen.
Herr Schnabel, vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Robert Lippert.