Sonntag, 12. Februar 2012


Interview

Dienstag, 11. November 2008 | Interview

"Auch mit der Community Edition kann jeder sein kleines Amazon bauen."

(Link zum Artikel: http://www.entwickler-magazin.de/php/kolumnen/045959)
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Roland Fesenmayr,
Vorstandsvorsitzender,
OXID eSales AG

Erst in der vergangenen Woche veröffentlichte OXID eSales seinen eShop 4 als Open Source. Wir haben mit Roland Fesenmayr, dem Vorstandsvorsitzenden der OXID eSales AG, über erste Reaktionen und Hintergründe gesprochen.

Hallo Herr Fesenmayr. Eine Woche OXID eShop 4 als Open Source – gibt es bereits erste Reaktionen? Was sagen Ihre Kunden?

Roland Fesenmayr: Die große Mehrheit der Kunden begrüßt diesen Schritt, weil sie ebenso wie wir sehen, dass sich die Entwicklungsgeschwindigkeit und auch die Softwarequalität noch weiter erhöhen wird. Und letztlich profitieren alle von einer großen Community rund um OXID-Technologie. Klar gibt es auch die eine oder andere Stimme eines Kunden der technisch identischen Professional Edition, die kritisiert, dass die Software jetzt auch ohne Lizenzkosten frei zugänglich ist. Allerdings haben sich die Kunden ja in der Vergangenheit bewusst gegen eine Open-Source-Lösung und für eine Software unter proprietärer Lizenz entschieden. Auch dafür gibt es gute Gründe und die ändern sich nicht dadurch, dass nun OXID eShop Community Edition unter der GPLv3 erschienen ist. Die OXID-eShop-Partner haben den Schritt übrigens auch sehr positiv aufgenommen. Die kürzlich vereinbarte Kooperation zwischen OXID und Optaros, einem der global führenden Open-Source-Systemintegratoren, wäre ohne den Schritt gar nicht möglich gewesen.

Nach knapp zwei Jahren Entwicklungszeit wurde die aktuelle Version des OXID eShop ja veröffentlicht. Worauf haben Sie bei der Entwicklung den Schwerpunkt gelegt?

Roland Fesenmayr: Wir haben die Software einem kompletten Refactoring unterzogen. D.h. ohne Funktionalität und Schnittstellen grundsätzlich zu ändern, haben wir den gesamten Code schlanker gemacht und die Komplexität einzelner Funktionen reduziert. Damit ist der Shop bei gleichem Hardwareeinsatz auch nochmal deutlich performanter und gleichzeitig einfacher und schneller anpass- und erweiterbar geworden. An neuen Funktionalitäten sind neben vielen Verbesserungen im Detail und einer Optimierung des Admin-Interfaces vor allem neue Social-Features wie Bewertung oder Tagging dazugekommen. Auch ist die Suchmaschinenoptimierung jetzt wirklich state of the art, was für die meisten Shops ein absolut entscheidendes Kriterium ist.

Wir haben mit Beginn der Entwicklung vor 2 Jahren den Prozess auf agile Softwareentwicklung mit vollständigem Unit-Testing umgestellt. Auf dieser Basis sind wir nun in der Lage in viel kürzeren Zyklen Updates und Patches in hoher Qualität zu releasen. Das war für uns eine entscheidende Voraussetzung um Open Source zu gehen. Erst jetzt sind wir in der Lage der Community das zu bieten, was sie von einem Open-Source-Unternehmen erwartet.

Wann haben Sie das Open-Source-Modell für Ihren Shop das erste Mal in Betracht gezogen? Und fiel es dem Unternehmen leicht, eines seiner Hauptprodukte unter einer freien Lizenz komplett offenzulegen?

Roland Fesenmayr: Wir denken schon lange über den Schritt nach. In die konkrete Planung und Vorbereitung sind wir dieses Frühjahr eingestiegen. Den Shop unter der GPL zu releasen ist dabei nur ein kleinerer Aspekt. Der Wandel zu einem commercial Open-Source-Unternehmen bedeutet für uns eine Veränderung in fast allen Bereichen und Prozessen. Uns war auch klar, dass man diesen ernsthaft und konsequent gehen muss. Deshalb war auch klar, dass wir die [CH] Professional Edition zusätzlich auch ohne Kompromisse und Einschränkungen als Community Edition unter die GPL stellen. Wir sind überzeugt, dass die Open-Source-Strategie mittlerweile der bessere Weg ist, Software zu entwickeln und zu vertreiben.

Sie bieten auch weiterhin eine kostenpflichtige Professional- und Enterprise-Version von OXID eShop 4 an. Welche Anreize haben User der kostenfreien Version, auf Ihre kostenpflichtigen Angebote umzusteigen? Und – von Serviceleistungen einmal abgesehen – welche technischen Unterschiede gibt es zwischen der Open-Source-Version und den übrigen Varianten?

Roland Fesenmayr: Die Professional und die Community Edition sind technisch identisch. Wir haben uns für das sogenannte dual-licensing entschieden, d.h. der Kunde kann frei wählen, ob er die Professional Edition unter proprietärer Lizenz oder die Community Edition unter der GPLv3 nimmt. Einzig die optionale ERP-Soap-Schnittstelle ist nur für die Professional Edition verfügbar. Die PE wird in Verbindung mit einer umfangreichen Support-Subscription mit garantierten Reaktionszeiten vertrieben und man kann den Hersteller bei Problemen, z.B. im Rahmen der Gewährleistung, in die Pflicht nehmen. Wichtig ist für viele Kunden auch, dass Ansprechpartner z.B. im Vertrieb und Kundenservice greifbar sind. Ein weiteres Thema sind die Auswirkungen der GPL auf eigene oder durch Partner vorgenommene Modifikationen und Erweiterungen in der Software, die dann ja ebenfalls der GPL unterliegen. Auch das ist nicht immer gewünscht.

Die Enterprise Edition unterscheidet sich von Community und Professional Edition durch Funktionalitäten die wichtig sind, um die Geschäftsmodelle und Prozesse von Mittelstands- und Großkunden abzubilden. Dazu gehört Mandantenfähigkeit, eine Rechte- und Rollenverwaltung, sowie Unterstützung von Skalierung des Systems. Auch wird erweiterte B2B-Funktionalität zukünftig eher ein Thema für die Weiterentwicklung der EE sein. Aus der Endkundenperspektive sind die Produktlinien praktisch nicht zu unterscheiden. Auch mit der Community Edition kann jeder sein kleines Amazon bauen.

Gibt es bereits Feedback, was die Entwickler von 3rd-Party-Modulen von der aktuellen Open-Source-Version halten? Werden diese Entwickler sich ebenfalls von der GPLv3 begeistern lassen oder werden diese Module künftig den Professional- und Enterprise-Versionen vorbehalten sein?

Roland Fesenmayr

Roland Fesenmayr ist Vorstandsvorsitzender der OXID eSales AG. Darüber hinaus ist er Vorsitzender der Fachgruppe E-Commerce im Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW e.V.) sowie Vorstandsvorsitzender des Medien Forum Freiburg (mff) und Lehrbeauftragter für eBusiness an der Fachhochschule Furtwangen.

Roland Fesenmayr: Für die Shopversion 3 gibt es derzeit circa 300 Zusatzmodule, die an die Version 4 angepasst sein werden. Wir empfehlen Entwicklern von Third-Party-Modulen dabei ebenfalls das duale Lizenzmodell, d.h. eine Version für die Community Editon unter der GPL zu veröffentlichen und eine Version für PE/EE. Es ist durchaus möglich, dass sich vor diesem Hintergrund das Modul-Angebot zwischen den Editionen mittelfristig etwas unterscheiden wird. In den kommenden Wochen werden wir einen Marktplatz "OXID Exchange" auf unser Community-Plattform eröffnen. Hier können dann sowohl Partner als auch Community-Developer Module und Themes kostenfrei, oder auch kostenpflichtig zum Download anbieten. Optional werden wir ein Modul-Zertifizierungsprogramm für OXID-eShop-Partner starten. Hier wird neben der Kompatibilität zu einzelnen Shopversionen u.a. auch geprüft, ob es nach unseren Codierungs- und Test-Standards entwickelt wurde. Für zertifizierte Module übernimmt dann OXID auch den Installationssupport.

Herr Fesenmayr, herzlichen Dank für das Interview!

(rl)

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