Mittwoch, 8. September 2010 |
Sowohl der Kommunismus als auch Agile haben philosophische Grundlagen, die in einem Manifest (Das Manifest der Kommunistischen Partei - Manifesto for Agile Software Development) festgehalten sind. Beide beinhalten Ideen zu Produktionsmitteln und den Menschen, die mit ihnen arbeiten. Und beide Ansätze waren entworfen worden, um den jeweils aktuellen Status Quo zu verändern - mehr oder weniger revolutionär. Doch kann man deshalb wirklich behaupten, dass beide Prinzipien die gleichen Grundlagen und Ausrichtungen hätten? Mit dieser Frage wurde Agile-Consultant und Dozent Mishkin Berteig während eines Vortrags in Bukarest konfrontiert und schrieb daraufhin seine Meinung zum Thema anhand einiger Thesen auf dem Blog Agile Advice nieder.
In agilen Arbeitsumgebungen stünden die Codes normalerweise allen beteiligten Entwicklern zur Verfügung, was den Eindruck erwecken könne, dass die Produktionsmittel allen gehörten. Berteig argumentiert dagegen, dass es sich bei den Codes weniger um die Produktionsmittel als vielmehr um die Ergebnisse der Produktion handele. Die Mittel, mit denen diese Ergebnisse erstellt würden, also Computer, Videokameras und andere Telekommunikationsgeräte, würden in der Regel nicht den Entwicklern gehören - was andererseits aber auch nicht verboten sei. Als wichtigste Widerlegung dieser These für Agile sieht Berteig jedoch einen anderen Punkt:
Every individual owns their own creativity, experience, and knowledge and ist only asked to share willingly (and usually in exchange for pay such as salary, stock options or outright corporate ownership).
Agile Methoden seien, wenn überhaupt, also eher kapitalistisch geprägt.
Für agile Arbeitsumgebungen sei es typisch, dass es weniger Manager als in traditionellen Arbeitsverhältnissen gebe, dass die Selbstorganisation der Teams stark ausgeprägt sei und Wert auf die Festlegung von Team-Zielen gelegt werde. Also typisch kommunistische Tendenzen? Berteig meint nein:
Agile doesn´t claim that every team member is exactly equal, it does not require that every team member do exactly the same thing, it does not require that every team member give up all their individual preferences, it does not encourage every team member to do exactly the same amount of work regardless of if you are measuring effort or output.
Berteig bemerkt zwar, dass agile Methoden, etwa die Selbstorganisation, wie Klassenlosigkeit erscheinen könnten. Jedoch gibt er zu bedenken, dass es sich dabei nicht um das Ziel von Agile handele, sondern dass dies einzig eine mögliche Arbeitsform sei. Sie sei nur sinnvoll, wenn dadurch die Produktivität jedes einzelnen Team-Mitglieds gesteigert würde.
Ziel eines jeden Unternehmen müsste es sein, Menschen zu beschäftigen, die in effektiven Teams zusammenarbeiten. Das bedeutet, dass das Team als ganzes produktiver arbeitet, als es seine Bestandteile alleine könnten. Dies sei auch das Ziel agiler Methoden, so Berteig. Dass jeder gemäß seiner Möglichkeiten arbeite, ist seiner Meinung nach eine Tautologie, da niemand mehr produzieren könne, als es seine Möglichkeiten zuließen. Dies sei auch nicht im Sinne von Agile.
Der zweite Teil der These träfe auf agile Methoden einfach nicht zu, da jeder Entwickler nur auf Ressource Zugriff habe, die ihm von seinem Unternehmen zur Verfügung gestellt werden oder die er selbst besitzt. Sein Fazit lautet also klar: "Agile is not Communism".
Neben den genannten Unterschieden sieht Berteig auch gewisse Ähnlichkeiten, die zumindest in der Theorie zutreffend seien. So seien für Agile und den Kommunismus eher kollegiale Zusammenarbeit als die Ausführung von Befehlen grundlegend. Dank flacher Hierarchien und dem ausgeprägten Teamgedanken sei dies wichtig für Agile. Außerdem seien die Beteiligten dazu angehalten, ihre Arbeit transparent zu machen und sich gegenseitig zu beurteilen.
Interessierte Leser sind dazu aufgerufen, sich an der Diskussion zu beteiligen und ihre geistigen Ressourcen - ob nun auf kommunistische oder agile Art und Weise - mit anderen zu teilen.