Donnerstag, 24. Mai 2012


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Juli 2010 | Artikel

Kommentar: "Über lohnendes Investment in die Eclipse-Community"

(Link zum Artikel: http://www.entwickler-magazin.de/jaxenter//003223)

Antwort auf das Interview mit itemis-Gründer Wolfgang Neuhaus

Text: Hartmut Schlosser
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"Quo vadis Eclipse?" hatten wir auf JAXenter und in der letzten Ausgabe des Eclipse Magazins gefragt und eine Debatte über die aktuelle Situation des Eclipse-Ökosystems und der Eclipse Foundation angeregt. Wie steht es um die Wertschöpfungspotentiale, die das Eclipse-Ökosystem einem Unternehmen heute noch bietet? Welchen Mehrwert bringt eine Mitgliedschaft in der Eclipse Foundation tatsächlich?

Einen Diskussionsbeitrag leistet nun itemis-Gründer Wolfgang Neuhaus in einem Interview mit heise Developer. Offensichtlich wird in den Interviewfragen dezidiert auf unsere Fragestellung Bezug genommen, sodass wir den Beitrag als Reaktion auf unseren "Quo vadis Eclipse"-Artikel auffassen.

Wertschöpfungspotentiale

Welche ROI-Effekte einer Mitgliedschaft in der Eclipse Foundation erwähnt Wolfgang Neuhaus?

  • Sichtbarkeitsgewinn eines Unternehmens durch die Präsenz auf der gut besuchten eclipse.org-Seite. Mit 1.5 Millionen Downloads pro Monat sei dies ein unschätzbarer Kanal.
  • Gute Netzwerkmöglichkeiten, insbesondere durch die Industry Working Groups (IWG), welche Kooperationen zwischen Endanwender-Firmen und Anbietern ermöglichten.
  • Als strategisches Mitglied: Mitgestaltung der strategischen Ausrichtung der Eclipse Foundation. Für die Kunden sei es bedeutsam, dass itemis in der Lage sei, die Eclipse-Basistechnologien zu beeinflussen.

Der Situation des Eclipse-Ökosystems gibt Neuhaus gute Noten:

  • Die Größe des Eclipse-Ökosystems sei mit den 163 Mitgliedsfirmen der Eclipse Foundation und den fast 1000 Committern ein Alleinstellungsmerkmal der Eclipse-Community.
  • Die große Bandbreite von Produktanbietern, Branchenspezialisten, Service-Anbietern, Endanwendern und Forschungseinrichtungen sei ein weiterer Trumpf des Eclipse-Ökosystems.
  • Die starke Durchdringung von Eclipse in Forschung und Lehre werde in den kommenden Jahren zu qualifiziertem Nachwuchs und damit Innovationen auf Basis von Eclipse sorgen.
  • Die Mitgliederstruktur der Eclipse Foudnation habe sich in den letzten fünf Jahren dahingehend verändert, dass kleine und mittlere Unternehmen eine größere Rolle spielten.

Allein die Prozesse der Eclipse Foundation zur Klärung des Urheberrechts ("Intellectual Property") ließen sich Neuhaus´ Meinung nach noch vereinfachen. Im Allgemeinen sei er mit den Prozessen innerhalb der Eclipse-Community "weitgehend" zufrieden und zieht das Fazit:

Rückblickend betrachtet war der Einstieg bei Eclipse eine hervorragende Entscheidung Wolfgang Neuhaus

Kommentare
Großartige Leistungen haben die Eclipse Foundation und die Eclipse-Community in den letzten Jahren vollbracht. Diesen Anstrengungen ist es zu verdanken, dass Eclipse innerhalb nur weniger Jahre zur Nr. 1 der Java-Entwicklungsplattformen werden konnte und gerade dabei ist, mit zahlreichen interessanten Runtime- und Modellierungstechnologien in neue Bereiche vorzudringen.

Wolfgang Neuhaus zollt im Interview der Eclipse Foundation und dem Eclipse-Ökosystem dafür zu Recht ein großes Lob. Doch handelt es sich um eine Eclipse Foundation, die in den letzten Jahren mit einem Mitgliederrückgang von über 200 auf ca. 165 zu kämpfen hat. Es handelt sich um ein Eclipse-Ökosystem, in dem ehemals engagierte Großunternehmen Eclipse-Committer zurückziehen und Open-Source-Business-Modelle immer weniger greifen.

Getragen von der Sorge um die Zukunftsfähigkeit von Eclipse möchten wir in der "Quo vadis Eclipse?"-Reihe den Gründen für diese Entwicklungen nachspüren und versuchen, eine Diskussion anzustoßen, wie wieder mehr Unternehmen zum Mitmachen bei Eclipse angeregt werden könnten. Wolfgang Neuhaus bleibt mit seinem Interview Antworten auf diese brennenden Fragen schuldig.

Mitgliedssituation der Eclipse Foundation
Neuhaus beschreibt eine Entwicklung innerhalb der Eclipse Foundation, in deren Verlauf kleinere und mittlere Unternehmen über die letzten Jahre hinweg bessere Möglichkeiten der Einflussnahme erhalten hätten. Rufen wir nochmals die Organisationsstrukturen der Eclipse Foundation ins Gedächtnis:

Einen Sitz im Eclipse Board of Directors, dem leitenden Gremium der Eclipse Foundation, bekommen automatisch die derzeit 14 strategischen Mitgliedsunternehmen. Zusätzlich werden drei Vertreter für die ca. 130 sogenannten "Solutions Members" ins Board gewählt, genauso wie drei Vertreter der "Committer-Member".

Die Chancen für ein Unternehmen, über eine Solutions-Mitgliedschaft im Board of Directors Einfluss auf die Eclipse-Strategie zu erlangen, sind also eher gering (3 Vertreter für die ca. 75 Solutions Members). Deshalb hat sich, wie Neuhaus selbst beschreibt, itemis ja auch für das Upgrade von der Solutions-Mitgliedschaft auf eine strategische Mitgliedschaft entschieden.

Dem Beispiel von itemis zu folgen, dürfte sich allerdings für viele kleine und mittlere Unternehmen schwierig gestalten: Immerhin beinhaltet die strategische Mitgliedschaft die jährliche Zahlung von 25.000 bis 500.000 US-Dollar und die Abstellung von (bis zu 8) Vollzeit-Entwicklern für Eclipse-Projekte. Uns würden an dieser Stelle Erfahrungsberichte interessieren, wie kleine und mittlere Unternehmen sich tatsächlich eingebracht haben – und welche Mechanismen sie sich wünschen würden, um sich zukünftig besser einzubringen.

Die wirkliche Frage ist allerdings, ob sie sich überhaupt besser einbringen möchten!

Aktuell ist zu beobachten, dass auch für Eclipse-affine Firmen wie Red Hat, Tasktop, Ingres, SpringSource, Bosch, Intalio, Symbian, Aptana etc. offensichtlich die Solutions-Mitgliedschaft genügt. Auch ehemalige strategische Mitglieder wie Sybase, Zend, Open Methods, Intel, Compuware, Serena, Motorola ließen ihren Mitgliederstatus zurückstufen.

Wie anders sollte man dies deuten, dass diese Unternehmen an einer Einflussnahme auf die strategische Ausrichtung der Eclipse Foundation gar nicht (mehr) interessiert sind?

Projekt e4
Wir hatten deshalb die These in den Raum gestellt, dass die Eclipse-Plattform als Basis für Entwicklungswerkzeuge eine solche Qualität und auch Verbreitung erlangt hat, dass viele Unternehmen mit der Plattform weitgehend zufrieden sind und keinen Anlass mehr sehen, Investitionen in ihre Weiterentwicklung zu tätigen.

Dies würde auch die Zurückhaltung seitens der Industrie erklären, sich am Projekt "e4" zu beteiligen, in dem derzeit die neue Generation der Eclipse-Plattform entsteht, die einen Kompatibilitätsbruch mit Eclipse 3.x vollzieht. Denn: Veränderungen an der jetzigen Plattform gefährden potentiell die in Millionenhöhe getätigten Investitionen.

In Hinblick auf e4 spricht Wolfgang Neuhaus von einer Chance für die Eclipse-Community und von einer Hoffnung im Bereich der Modellierungsplattform.

Allerdings kann Eclipse 4.0, wie Chris Aniszczyk es ausdrückt, vor allem als RCP 2.0 gesehen werden - d.h. die dortigen Verbesserungen betreffen vor allem den Runtime-Bereich und damit einen Bereich, in dem Neuhaus zwar große Potenziale sieht, von dem er aber auch zugibt, dass Eclipse sich hier erst etablieren muss und noch keine dem Tooling-Bereich vergleichbare Marktdurchdringung erlangt hat.

In einem aktuellen Interview mit dem Eclipse Magazin zeigt sich z.B. Doug Schaefer skeptisch gegenüber der Zukunft von Eclipse RCP:

Ich bin mir nicht sicher, ob Eclipse als Rich Client Platform in näherer Zukunft noch Sinn machen wird. Wenn ich eine Anwendung schreibe, die die Vorteile der vernetzen Welt nutzen soll, will ich sicherstellen, dass sie gut auf den Plattformen laufen, die meine Anwender verwenden. Und das bedeutet: JavaScript mit HTML5 und all die verschiedenen Sprachen, APIs und User-Interaktions-Paradigmata, die mobilen Endgeräten nun einmal eigen sind. Ich zweifle daran, dass man hierfür Single Sourcing mit RCP einsetzen kann und damit den derart verschiedenen Anforderungen der diversen Plattformen gerecht wird. Da ein so großer Fokus bei Eclipse auf RCP liegt, kann ich verstehen, warum sich derzeit so viele Leute Sorgen um die Zukunft von Eclipse machen. Doug Schaefer

Diversität
Neuhaus sieht die große Bandbreite innerhalb des Eclipse-Ökosystems als positives Alleinstellungsmerkmal von Eclipse. In den Community-Diskussionen wird vielmehr gerade das Gegenteil kritisiert: Viele Eclipse-Projekte hängen von einem einzigen Unternehmen ab: Mylyn = Tasktop, IBM = JDT, Oracle = EclipseLink, SpringSource = Virgo. Man könnte es als Normalfall bezeichnen, dass einzelne Unternehmen ihr zunächst intern (manchmal proprietär) entwickeltes Projekt der Eclipse Foundation übergeben und dort zum größten Teil auch weiterhin alleine weiterentwickeln.

Die Forderung sollte also eher lauten: Eine größere Diversität bitte, damit Projekte nicht einschlafen, weil ein einzelnes Unternehmen sich zurückzieht – wie beispielsweise beim Eclipse MTJ-Projekt geschehen, als Motorola Ende 2009 ihre Vollzeit-Committer zurückzog (siehe Mitteilung des damaligen Projektleiters Christian Kurzke).

Industry Working Groups
Interessant sind in diesem Zusammenhang die von Wolfgang Neuhaus beschriebenen Industry Working Groups. Theoretisch erlauben sie – wie im Interview ausgedrückt - eine "zielgerichtete Kooperation zwischen Endanwender-Firmen und Anbietern mit dem Ziel, Standards über Referenzimplementierungen unter dem Dach von Eclipse zu definieren."

Gute Chancen für die Gründung einer neuen Automotive Working Group sieht Neuhaus gegeben, insbesondere deshalb, weil momentan ein Teil der ARTOP-Plattform unter dem Namen "Sphinx" zum Eclipse-Projekt wird. Auch Itemis selbst arbeitet laut Neuhaus am Aufbau einer Modeling Platform Working Group (MPWG), mit dem Ziel, Endanwender zu bündeln, die Ergänzungen der Modeling-Plattform kollaborativ entwickeln wollen.

Festzustellen sind in Bezug auf die IWGs zwei Dinge:

  1. So interessant das Konzept auch ist, umgesetzt ist es bisher lediglich in zwei Fällen: Pulsar im Mobile-Bereich und die SOA Industry Working Group.
  2. Die Akzeptanz des Pulsar-Pakets ist eher zurückhaltend, sicherlich auch deshalb, weil Motorola sein Eclipse-Engagement auf Sparflamme zurückgefahren hat, um sich verstärkt bei Android umzutun (Mobile-Spezialist Werner Keil spricht von einer "Fragmentierung und Zerstrittenheit vieler Anbieter, selbst innerhalb der Pulsar-Initiative", Eclipse Magazin 4.10, S. 30). Und auch die Gründung der SOA Industry Working Group verzögerte sich, da man mit dem Rückzug einiger kommerzieller Anbietern zu kämpfen hatte. Eclipse Board of Directors Mitglied Ricco Deutscher seinem Blog:

Es war recht still die letzten Monate um die Eclipse SOA Intitative. Das lag hauptsächlich daran, dass große kommerzielle Vendoren kurz vor dem Start im Herbst 2009 aus der Industry Working Group zurückgezogen haben. Ricco Deutscher

Es scheint also nicht so einfach zu sein, verschiedene zum Teil miteinander konkurrierende Unternehmen und Interessen im Rahmen einer IWG unter einen Hut zu bringen. Umso gespannter warten wir auf positive Nachrichten über die Diskussionen um die Gründung neuer Industry Working Groups!

Lehre und Forschung
Interessant ist die Feststellung Neuhaus´, dass Eclipse in Lehre und Forschung einen hohen Verbreitungsgrad erlangt hat, der dafür sorgt, dass Nachwuchskräfte mit innovativen Ideen heranwachsen. Diese Feststellung ist treffend. Wann immer man sich mit jungen Leuten über ihr Eclipse-Engagement unterhält, lautet ihre "Eclipse-Sozialisierungsgeschichte": Ich habe mit Eclipse die Java-Programmierung erlernt. Danach war es einfach logisch, sich auch weiterhin mit Eclipse zu beschäftigen!

Hier geben wir zwei Dinge zu bedenken:

  • Erstens hat NetBeans gerade auch im Universitätsbereich Boden gut gemacht.
  • Zweitens bringt diese Universitätsdurchdringung keine direkten Werte in Form von zahlenden Mitgliedern für die Eclipse Foundation. Wir hatten gerade die Gefahr beschrieben, dass Eclipse sich aufgrund der fortschreitenden Verbreitung quasi verselbständigt und sich immer mehr der Kontrolle der Eclipse Foundation entzieht.

Die Eclipse Foundation sollte sich hier also nicht auf den Lorbeeren ausruhen und z.B. die Diskussion um Unterstützungsprogramme für Universitätsprojekte weiterführen, die von Chris Aniszczyk angeregt wurde: Wege könnten aufgezeigt werden, wie Universitätsprojekte den Schritt von der Forschung hin zum kommerziell vermarktbaren Produkt schaffen können - ein Schritt, der bisher nur selten gelungen ist (Mylyn, Bioclipse, ?).

Generell bleibt die Frage, wie die Eclipse Foundation - insbesondere auch angesichts der rückläufigen Mitgliedsbeiträge - die wahre Flut an neuen Eclipse-Projekten (zunehmend auch aus dem universitären Bereich) innerhalb und außerhalb des Eclipse-Release-Trains bewältigen soll.

Wünsche sind in diesem Zusammenhang geäußert worden, dass die Foundation sich auf einen neuen Katalog von Kernaufgaben konzentrieren sollte – etwa die Bereitstellung einer starken Eclipse-Basisarchitektur, darauf aufbauend die Förderung eines Innovationsnetzwerkes um Eclipse und schließlich die Steigerung der Wertschöpfungspotentiale für die Mitgliedsunternehmen – anstatt ihre schwindenden Kräfte in der Betreuung unzähliger peripherer Projekte aufzureiben.

Wie dem auch sei - problematisch wird es, wenn die Foundation sich von ihrem strategischen Ziel ablenken lässt, einen Markt von kommerziell vertreibbaren Produkten auf Basis der kostenlosen Eclipse-Frameworks zu etablieren - das sogenannte Eclipse Ecosystem. Denn wenn dieses strategische Ziel verfehlt wird - wenn eine Mitgliedschaft in der Eclipse Foundation für ein Unternehmen keine nennenswerten Marktvorteile für die eigenen Eclipse-basierten Produkte mehr bringt -, dann wird der Rotstift für unternehmensinterne Budget-Kürzungen immer wahrscheinlicher bei den Foundation-Mitgliedschaftsbeiträgen angesetzt.

Zum guten Schluss
Das Interview mit Wolfgang Neuhaus gibt interessante Einblicke in das erfolgreiche Eclipse-Engagement von itemis. Sicherlich ist eine Mitgliedschaft in der Eclipse Foundation auch heute noch für zahlreiche Unternehmen lohnend - die von Wolfgang Neuhaus erwähnte Präsenz auf der eclipse.org-Seite wird ihre Marketing-Effekte nicht verfehlen, der Glaubwürdigkeitsgewinn durch eine strategische Mitgliedschaft kann durchaus für den einen oder anderen Auftrag sorgen.

Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass der Eclipse-Boom der ersten Jahre vorbei ist und die Eclipse Foundation zwei schwere Jahre hinter sich hat. Lösungsansätze für die von Eclipse und der Foundation zu bewältigenden Probleme zeigt das Interview nicht auf.

Eclipse ist kein Selbstläufer mehr – und damit Eclipse weiterhin erfolgreich sein kann, müssen die Probleme beim Namen genannt und eine fruchtbare Diskussion darüber geführt werden, wie Eclipse wieder zum Innovationstreiber einer ganzen Softwarebranche werden kann. Aus journalistischer Sicht sind konstruktive Diskussionsbeiträge an dieser Stelle ausdrücklich erwünscht!

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