Donnerstag, 24. Mai 2012


Artikel

Juli 2010 | Artikel

Geek’s Guide To The Working Life 6

(Link zum Artikel: http://www.entwickler-magazin.de/jaxenter//003214)

Der Go-Live

Text: Pavlo Baron
  • Teilen
  • kommentieren
  • empfehlen
  • Bookmark and Share
Ach, wie schön wäre doch das Leben von Geeks, wenn es nur darum ginge, hinter verschlossener Tür in relativer Dunkelheit und vor allem in beinahe klösterlicher Ruhe zu coden. Aber irgendwelche bösen, dunklen, aller Wahrscheinlichkeit nach außerirdischen Mächte suchen in regelmäßigen Zeitabständen ihre nähere Umgebung auf, bemächtigen sich der Körper und der Geister der Produktmanager und bestehen mit unbiegsamer Hartnäckigkeit darauf, die Software zu releasen, also produktiv zu stellen, damit live zu gehen oder welche auch immer skurrilen Ausdrücke sie für diesen ganz offensichtlich zeitraubenden, unkreativen, stressigen und schlichtweg überflüssigen Nonsens verwenden mögen.

Ein geistig verwirrter Geek, dem jedoch in allerletzter Sekunde die Flucht aus den Klauen dieses, wohlgemerkt, häufig wiederkehrenden Alptraumes gelang, war so freundlich, uns zitternder Hand das Protokoll eines solchen Go-Live zu zeigen, das wir dem Leser auf gar keinen Fall vorenthalten wollen.

15:00 E-Mail an alle Mitarbeiter: Wir erinnern Sie daran, dass wir ab heute 19 Uhr mit der Einführung unseres neuen Systems beginnen … Ab morgen steht es zur Verfügung …
18:30 Letztes Planungsmeeting (München): Alle anwesend? Ja. Nein, Fritz (DBA) ist nicht da. Er steckt im Stau bei Augsburg. %§%§%&&§“$%“$%!!!! Alle warten auf Fritz – ohne DBA kann kaum was gemacht werden.
19:55 Ein weiteres letztes Planungsmeeting (nun mit Fritz): Ein Check nach dem anderen. Mittendrin stellt sich heraus, dass das Sichern der Dateien, das gestern angestoßen wurde, immer noch läuft. Wie lange wird es dauern? Keine Ahnung – der Prozess läuft leider ohne Log, und alleine das Prüfen der Plattenbelegungsdeltas wird möglicherweise Stunden dauern. §$§§%&%%$&/$&/$&!!!!!!
20:10 Anruf vom Management: Wir sitzen hier im Restaurant "Da Vinci" zusammen mit unseren Kunden und feiern die Einführung des neuen Systems (Korken knallen im Hintergrund)
20:20 Pizza wird bestellt
21:30 Fertig mit dem Abendessen. Sicherung der Dateien läuft immer noch. Alle sitzen tatenlos herum und warten.
22:25 Anruf vom Management: Wie, ihr seid noch nicht fertig? Was für Schwierigkeiten? Aber der Sekt ist ja schon getrunken! $%&%/$&///$&//&$$!!!!!!
23:10 Dateisicherung ist abgeschlossen! Der Go-Live kann beginnen.
01:55 Alle Schritte erledigt ohne weitere Abenteuer. Zeit, nach Hause zu gehen. Der echte Test kommt morgen früh, wenn die Kunden sich darauf stürzen.
08:00 E-Mail an alle Mitarbeiter: Wir sind stolz darauf, dass wir letzte Nacht das neue System gelauncht haben. Zusammen haben wir Großartiges geleistet! Eine tolle Arbeit von allen Beteiligten. Vielen Dank, und lasst uns dieses Ereignis heute Abend mit einem kleinen Umtrunk gemeinsam gebührend feiern! ...
08:35 E-Mail eines Vertriebsmitarbeiters an den IT-Support: Ich kann keine Kunden mehr anlegen. Das Programm stürzt sofort ab …
08:50 Anruf eines Vertriebsmitarbeiters beim IT-Support: Ich komme nicht ins System …
08:55 Bereits 45 Calls und 23 offene Tickets zum neuen System beim IT-Support. Und der Arbeitstag hat offiziell noch gar nicht begonnen!
09:00 Automatische Deployment-E-Mail: HOTFIX „Fatal Error 345“.
09:30 Krisensitzung beim Management. Es wird diskutiert, ob man jetzt noch repariert oder die Änderungen zurückrollt.
09:35 Automatische Deployment-E-Mail: HOTFIX "Fatal Error 349".
10:00 Trotz Fehlern im System boomt das Geschäft. Viele neue Daten, die sich jedoch durch eben diese Fehler recht chaotisch verteilen.
10:15 Immer noch keine Einigung, ob Rollback oder Reparatur. Es kommen immer mehr neue Daten und IT-Support-Anfragen.
10:30 E-Mail an alle Mitarbeiter: Leider ist es zu kleinen Problemen im System gekommen. Wir arbeiten mit Hochdruck an deren Behebung und bitten um etwas Geduld …
10:35 Automatische Deployment-E-Mail: HOTFIX "Fatal Error 352".
11:00 E-Mail an alle Mitarbeiter: Aufgrund von Faktoren, die nicht in unserer Macht stehen (Hardwareprobleme, höhere Gewalt etc.) müssen wir leider das neu gelaunchte System zurückrollen und auf den Stand von gestern zurückgehen. Dies hat leider auch zufolge, dass die neuen Daten seit heute Morgen verloren gehen. Wir werden versuchen, sie zu rekonstruieren, können dies jedoch nicht garantieren …
11:05 Alle Mitarbeiter: „“$%“$&§%&&%§%&§%&!!!!!
 
 

So, das wäre das Protokoll. Und das nächste Mal, wenn ihr für die lange Nacht des Go-Live eine Pizza-Bestellung plant, setzt doch gleich eine Person mehr auf die Liste. Wen? Na, den Murphy natürlich, wen denn sonst? Oder wusstet ihr etwa nicht, dass er unsere ganze Branche fast alleine treibt? Und in jedem Projekt mitwirkt. Sozusagen. Omnipräsent ist er, irgendwie, auf seine eigene, destruktive Art.

Aber nicht nur bei der Pizza-Bestellung sollte man an den Murphy denken: ein erfahrener Go-Live-Planer sieht nach jedem dritten Schritt im Ablaufplan einen sog. Murphy-Puffer vor. Und damit das Management keine dummen Fragen stellt, was z.B. "23:15 – Check: Hat Murphy zugeschlagen? " bedeutet, steht stattdessen im Plan: "23:15 – Check: Strom, Kabel angeschlossen, es liegen keine Bücher auf Tastaturen, es wurde kein Kaffee verschüttet, "rm" wurde überall durch Sicherheits-Script ersetzt etc …".

Jetzt kann man live gehen, irgendwie. Zumindest aus Murphy-Sicht – er nickt es schon mal ab. Was nicht heißt, dass es funktionieren wird. Könnte aber. Muss aber nicht. Aber es könnte. Spätestens zwei Wochen nach dem Knallen der Sektkorken zum offiziellen, gar bombastischen Go-Live-Erfolg wäre die Sache zu 60–70 % stabil. Vielleicht. Wahrscheinlich sogar. Wenn der Murphy Ruhe gibt. Wird schon! Irgendwie …

Pavlo Baron ist Enterprise IT Architect in München. Er ist Autor zahlreicher Artikel, Speaker auf verschiedenen Konferenzen und Autor der Bücher "Pragmatische IT-Architektur" und "Fragile Agile".

andere Artikel dieser Serie

Kommentare

Gravatar Reeny 08.07.2010
um 08:58 Uhr
Hm, seltsam. Irgendwer muss uns beim letzten "GoLive" beobachtet haben. Die Aufzeichnungen passen fast genau auf unsere Erlebnisse ... ! :D #zitieren
Gravatar Eike 08.07.2010
um 14:22 Uhr
Eine sehr schöne Schilderung eines Roll-outs in klassischen Projekten!

In agilen Projekten hab' ich sowas allerdings nicht mehr erlebt, da gibt's Murphy zwar auch, aber man legt ihm möglichst früh enge Handschellen an (z.B. automatisierte Tests, automatisierte Deployments, automatisierte DB-Migrationen, kleine Schritte, miteinander reden, miteinander reden, miteinander reden,... :))
#zitieren
Gravatar RPR 08.07.2010
um 22:34 Uhr
Am besten ist doch der: Das "Management", also die wichtigen Leute, feiert in einer "angemessenen Lokalität", während die Arbeiter sich die Nacht um die Ohren schlagen. Dafür wird für diese ein kleiner Umtrunk in Aussicht gestellt.
Nebenbei bemerkt: Die "wichtigen" Leute werden offensichtlich gar nicht die wichtige Umstellung benötigt ...
Jawoll, so führt man Leute! Was für Versager...

Aber die Arbeiter revanchieren sich (passiv) durch Murks.

Fazit: Schlechte Bosse ziehen schlechte Arbeiter nach sich - solche Firmen sollte man (als Angestellter) vermeiden wie die Pest - andererseits bezahlen gerade diese Firmen horrende Gehälter an externe "Consultants".
#zitieren