Nach neuesten Umfragen von DesktopLinux.com ist Ubuntu samt Derivaten mit inzwischen fast 30 Prozent Anteil die weltweit am meisten verwendete Distribution, gefolgt von openSUSE mit knapp 20 Prozent. Aber auch Mandriva gehört durchaus zu den beliebten Distributionen. Ein kurzer Vergleich der Möglichkeiten ihrer aktuellsten Vertreter dürfte also viele Linux-Anwender interessieren.
openSUSE 10.3
Das neue openSUSE 10.3 basiert auf dem Linux-Kernel 2.6.22.5 und wird für die Architekturen i386, x86_64 und PowerPC vertrieben. Kompiliert wurde das System mit dem GCC 4.2.1 (Compiler), glibc 2.6.1 (die Basis-C-Bibliothek), GDB 6.6.50, Bison 2.3, RPM 4.4.2 und fontconfig 2.4.2. Als Server für das X-Window-System kommt X.Org 7.2 zum Einsatz.
Live-CDs der Distribution gibt es sowohl mit GNOME als auch der KDE für die i386-Architektur. Der Verkaufskarton der Distribution enthält auf zwei doppellagigen DVDs mehr als 16GB Software für 32bit- und 64bit-Welten sowie ein gedrucktes Benutzerhandbuch und kostenlose Installationsunterstützung. Wie bei SUSE schon traditionell, liest sich deshalb die Liste der begleitenden Software lang. Es dürfte nichts fehlen, was der typische Linux-Anwender benötigt.
Auffällig an der neuen Version ist, dass verschiedene bisher vorhandene Bestandteile nicht mehr verfügbar sind, beziehungsweise durch andere Komponenten ersetzt wurden. Besonders bemerkenswert ist, dass ZEN nicht mehr Teil der Distribution ist und dementsprechend entfällt eine Synchronisierung mit ZENWorks. Statt dieses Dienstes, der in den letzten Versionen von openSUSE durchaus auch für einige Probleme sorgte, kommt in openSUSE 10.3 nun ein Dienst mit Namen libzypp zum Einsatz. Und auch mDNSresponder wurde ersetzt – durch Avahi. Daneben wurde ebenfalls das eine oder andere kleinere, aber vielleicht lieb gewonnene Programm aus der Standardauswahl entfernt und verschwindet still und leise – wenn man beim Update nicht aufpasst – vom Rechner.
Installation? No problem!
Wobei das Stichwort Update dazu überleitet, dass man sowohl zu einer Aktualisierung als auch einer Neuinstallation des gesamten System sowie einzelner Programme und Bibliotheken nicht mehr viel sagen muss – das Verfahren ist mittlerweile schlicht und einfach ausgereift. Sehr bemerkenswert ist hingegen die Möglichkeit, dass Sie von den openSUSE-Installationsmedien unter Windows ein neues Installationsprogramm (Instlux) starten können, mit denen Sie von dort aus die Migration auf openSUSE durchführen können.
Die Produktlebensdauer von openSUSE 10.3 erstreckt sich auf recht lange zwei Jahre. Während der Zeit erhalten Anwender sowohl Sicherheitsaktualisierungen für alle enthaltenen Pakete als auch bei Bedarf Wartungsaktualisierungen für schwerwiegende Fehler.
Die Oberfläche
SUSE setzt traditionell auf die KDE als erste Wahl für den Desktop, obgleich gerade Novell stark an GNOME interessiert ist. Bezüglich der Oberfläche hat man bei openSUSE 10.3 noch nicht den konsequenten Schritt auf die KDE4 vollzogen, da das Erscheinungsdatum vor der offiziellen Veröffentlichung der Finalversion von KDE4.0 lag. Zwar werden Teile der KDE4 bereits verwendet und die KDE4 kann zusätzlich installiert werden. Die KDE3 blieb jedoch vernünftiger Weise die Standard-KDE-Arbeitsfläche. Und für eine spätere Aktualisierung sollte beachtet werden, dass die KDE4 auf Qt4.3 beruht und grundlegende Änderungen mit sich bringt. Damit wird sie inkompatibel zur KDE3.x.
Natürlich stellt openSUSE 10.3 auch das auf GTK+ basierende GNOME zur Verfügung (Version 2.20.0), was nach den Umfragen von DesktopLinux.com mittlerweile fast überall übrigens deutlich beliebter als die KDE ist und in der letzten Zeit qualitativ gewaltig zugelegt hat. Für openSUSE 10.3 wurde nun auch eine GTK+-Portierung von Yast in GNOME implementiert. Damit verhält sich Yast unter GNOME wie eine native Applikation. Zudem wurde es hier in zwei separate Frontends zerlegt und um zusätzliche Funktionalität erweitert.
Sowohl unter der KDE als auch GNOME können Anwender Compiz Fusion, samt einigen Plug-ins und Xgl, verwenden, wenn eine Grafikkarte mit 3D-Funktionalität vorhanden und aktiviert ist.
Ein Highlight von openSUSE 10.3 sind sicher die Implementierungen der Virtualisierungslösungen Xen 3.1 und VirtualBox 1.5, wobei bei Letzterem die recht massiven Probleme der Vorgängerkombination durch die Weiterentwicklung von openSUSE als auch VirtualBox bereinigt wurden.
Zum Abschluss noch eine Bemerkung zum laufenden Betrieb. Bei openSUSE 10.3 fällt auf, dass das System mittlerweile wesentlich schneller startet als seine Vorgänger und eine verbesserte Paketverwaltung mit libzypp 3.26.2 bietet.Ubuntu 7.10 und die Verwandtschaft
Das Debian-basierende Ubuntu verwendet sehr kurze Versionszyklen und erscheint alle sechs Monate in einer neuen Variante. Ubuntu 7.10, mit dem Codenamen Gutsy Gibbon, steht für die i386-, amd64-, PowerPC-, ia64-und Sparc- sowie die Playstation3-Architektur (letzteres wurde mit der Version 7.04 eingeführt, war aber da noch nicht stabil) zur Verfügung. Die neuste stabile Version von Ubuntu ist keine LTS-Version und wird deshalb wie im Ubuntu-Projekt üblich nur 18 Monate mit aktualisierten Patches versorgt.
Eine Besonderheit dieser Distribution ist, dass es für Ubuntu mehrere Derivaten gibt, die zwar im Wesentlichen auf der gleichen technischen Basis aufsetzen, aber in der Regel nur für i386- und amd64-Architektur zur Verfügung stehen und sich auch in Details teils massiv unterscheiden können. Ubuntu selbst bezeichnet die Variante mit GNOME als grafische Oberfläche oder eine Server-Variante ohne grafische Oberfläche und Kubuntu ist die KDE-Version. Daneben gibt es noch Xubuntu mit dem schlanken Xfce als grafischer Oberfläche, der neu auf die von Clearlooks abgeleitete GTK-Enginge Murrine aufsetzt (auch für Playstation3), Edubuntu als eine speziell angepasste Version für Schulen, Ubuntu Studio als Multimedia-optimierte Variante und ganz neu das ausschließlich auf Open-Source-Software basierende Gobuntu.
Ubuntu selbst und die meisten dieser Derivate stehen in verschiedenen Ausprägungen zur Verfügung. Es gibt eine Desktop-Edition mit Live-CD, eine Alternate-Installations-CD mit textbasierter OEM-, Minimal- oder Experteninstallation sowie ergänzenden Paketen aus dem main-Bereich, eine Server-Edition ohne grafische Oberfläche mit einem für den Serverbetrieb optimierten Kernel und eine DVD-Version, die eine Vereinigung von Live-CD und Alternate-CD samt zusätzlicher Pakete aus dem restricted-Bereich enthält.
In Version 7.10 ist aktuell GNOME in der Version 2.20 mit diversen neuen Anpassungen installiert und standardmäßig Compiz Fusion aktiviert – wenn Ubuntu bei der Installation feststellt, dass die im Rechner befindliche Grafikkarte die notwendigen 3D-Voraussetzungen für Compiz unterstützt. Die wohl wichtigsten Neuerungen gegenüber dem direkten Vorgänger betreffen den XServer. So soll das manuelle Editieren der xorg.conf endgültig unnötig werden. Alle Anpassungen gehen konsequent über die grafische Seite. Ebenso bemerkenswert ist der neue Umgang mit NTFS-Partitionen. Bislang konnte Ubuntu von Haus aus nicht auf NTFS-Partitionen schreiben. Seit Ubuntu Feisty Fawn 7.04 gibt es zwar mit ntfs-3g einen Treiber für diesen Zweck. Dieser wurde aber erst mit der Version 7.10 als Standard installiert. Damit kann nun ohne Probleme und von Anfang an auf Windowspartitionen geschrieben werden.
Wie bei openSUSE 10.3 kommt das X.Org X-Window-System zum Einsatz, was insbesondere Verbesserungen für Bildschirm-Hotplugging bedeutet. Somit können externe Bildschirme und Projektoren einfach angeschlossen und dank RandR 1.2 automatisch konfiguriert werden. Auch Eingabegeräte sollen problemloser verwendet werden können, wenn die passenden Grafiktreiber bereitstehen.
Auch zum Thema Desktopsuche und Druckerkonfiguration hat sich etwas getan. Die Druckerkonfiguration wurde zusammen mit dem Umstieg auf CUPS 1.3 vollständig verändert und um die Fernadministration von CUPS erweitert. Und mit Tracker hält eine neue Desktopsuchmaschine Einzug, die das bekannte Beagle ablöst. Angeblich hat sich Beagle in der Vergangenheit als zu ressourcenhungrig erwiesen.
Neben den offensichtlichen Highlights gibt es eine ganze Reihe kleinerer Verbesserungen. Zum Beispiel liefert Ubuntu speziell für Firefox Ubuntu einen verbesserten Plug-in-Suchassistenten und man kann auf einem Rechner bequemer zwischen unterschiedlichen Nutzern wechseln (Fast user switching).
Auch speziell in Kubuntu, der nach Ubuntu beliebtesten Variante, gab es ein paar bemerkenswerte Änderungen. So etwa beim restricted-manager zum Verwalten proprietärer Treiber. Diesen gibt es nun auch in Kubuntu in einer für KDE angepassten Variante. Des Weiteren findet zur Ausführung von root-Anweisungen neu kdesudo statt kdesu Verwendung. Das hat den Vorteil, dass das Passwort 15 Minuten lang gespeichert wird. Und der altehrwürdige Konqueror wird als Standarddateimanager von Dolphin verdrängt. Dazu geht mit Strigi eine Desktopsuchmaschine für den KDE-Desktop an den Start, die ähnlich wie Beagle oder Tracker agiert. Strigi durchsucht zahlreiche Dokumenttypen und soll sehr schnell und dennoch mit geringem Ressourcenverbrauch arbeiten. Ab KDE 4 wird Strigi auch ein integraler Bestandteil der KDE sein.
Mandriva 2008
Obwohl Mandriva in der Verbreitung deutlich hinter den aktuellen Platzhirschen Ubuntu und openSUSE zurück liegt, ist es durchaus viel mehr als ein Exot. Die Distribution erfreut sich gerade wegen ihrer Einsteigerfreundlichkeit, der sehr guten Hardwarekennung und automatisierten Anpassung bei einer nennenswerten Gruppe an Usern hoher Beliebtheit. Die Distribution für 32- und 64-Bit-Architekturen unterteilt sich in die Editionen One mit Live-CD, Free und Powerpack. Mandriva Linux 2008 ist die aktuellste Edition und steht mit dem Linux-Kernel 2.6.22.9 (mit Patches), X.org 7.2, KDE 3.5.7, GNOME 2.20, XFCE 4.4.1 sowie den üblichen aktuellen Anwendungsprogrammen den Konkurrenten keinesfalls nach. Die Distribution wird mit GCC 4.2 erstellt und ausgeliefert, optional stehen auch mit GCC 4.3 erstellte Pakete bereit. Intern wurden die Kernel-Pakete umbenannt und um einen speziellen Laptop-Kernel ergänzt.
Wie die anderen Distributionen stellt sich auch Mandrake auf die zunehmende Verbreitung von 3D-Hardware ein und beinhaltet Compiz Fusion 0.5.2. Neben der Standard-KDE gibt es auch hier eine Betaversion der KDE 4. Dabei wurde die Menüstruktur des Desktops gegenüber den Vorgängern stark verändert. Es gibt nun nur noch maximal zwei Level unterhalb des Toplevels. Bis auf wenige Ausnahmen werden native Applikationen des aktuellen Desktop (KDE- beziehungsweise Qt-Applikationen in der KDE sowie GNOME- beziehungsweise GTK+-Applikationen in GNOME) auf dem ersten Unterlevel und alle anderen Applikationen auf dem zweiten Level bereitgestellt.
Bemerkenswert an der neuen Distribution sind das neue Netzwerk-Verwaltungsprogramm Draknetcenter und ein Windows-Migrations-Tool für Dokumente und Einstellungen. Diese Tool mit Namen transfugdrake erlaubt sowohl die Migration von Windows-Dokumenten als auch Einstellungen von Microsoft Windows nach Mandriva Linux. Es agiert als Frontend eines Migrationsassistennten mit einer einheitlichen Schnittstelle.
Fazit
Alle drei neuen Distributionen sind state of art und nehmen sich nicht viel. Natürlich weist jede der Distributionen in Nuancen ihre Eigenheiten über spezifische Programme, Benutzerführung und optische Ausprägungen auf. Aber da im Grunde alle auf der gleichen technischen Basis operieren und auch die Distributions-eignen Feature vergleichbar sind, kann man letztendlich kaum Nach- oder Vorteile eines der Kandidaten herausstellen. Die Entscheidung dürfte eher in der Community und den Rahmenbedingungen für Support, Aktualisierung und Dokumentation zu suchen sein. Hinter openSUSE steht natürlich mit Novell immer noch ein mächtiges Unternehmen, Ubuntu verfügt über eine extrem aktive und große Community und Mandrake fokussiert stark die Bequemlichkeit und die Unterstützung für Einsteiger.
Ralph Steyer ist Diplom Mathematiker und arbeitet als freiberuflicher Autor und EDV-Dozent. Zu erreichen ist er unter www.rjs.de. Unter www.ajax-net.de betreibt er ein Portal zu AJAX und dem Web 2.0.



