Liebe Leserinnen, liebe Leser,
Anaheim, Kalifornien. Hierhin hat Borland in seinen goldenen Zeiten mehrmals das Entwicklervolk eingeladen. Und jetzt ist Microsoft, das größte Softwareunternehmen der Welt, der Gastgeber. Die Ankündigung vorab ließ eine technische Revolution erwarten: „In 1995 Windows changed the PC. BUILD will show you that Windows 8 changes everything“. Kann man eine Konferenz vollmundiger ankündigen?
Wer so hohe Erwartungen weckt, muss hart daran arbeiten, sie auch zu erfüllen. Was Microsoft dann auf seiner Entwicklerkonferenz vorstellte, lässt sich auf eine knappe Formel bringen: ein neues Windows im Look eines Mobiltelefons. Damit folgt der Riese aus Redmond einem Trend, der die ganze Branche beherrscht: die etwas verstaubten Arbeitsgeräte (Desktop-PC) sollen hipper werden.
Das Designkonzept, das mit Windows Phone 7 vor etwas mehr als einem Jahr erstmalig vorgestellt wurde, hört auf den Namen „Metro“ und versammelt eine Menge bunter Kacheln mit verschiedenen Informationen auf dem Bildschirm. Diese Kacheln sind durchaus intelligenter als z. B. die kleinen Icons, mit denen Apple seine Mobilgeräte ausstattet. Es handelt sich vielmehr um so etwas wie Widgets, die komplexere Informationen und gewisse Interaktionsmöglichkeiten bieten. Um anzudeuten, dass sich „hinter“ dem aktuell sichtbaren Screen noch weitere Elemente verbergen, haben sich die Designer den Trick mit den angeschnittenen Kacheln ausgedacht. Die eine Hälfte dieser Kacheln ist sichtbar, die andere aber auf dem nächsten virtuellen Screen platziert.
Ein gutes und viel gelobtes Konzept für ein Mobiltelefon. Tatsächlich war es Microsoft damit gelungen, sich nicht in die Schlange der vielen Apple-Nachahmer einzureihen, sondern eine überzeugende Alternative vorzulegen. Doch müssen wir uns fragen, ob das einmal gefeierte UI-Konzept für mobile Devices wirklich dafür herhalten sollte, den Desktop zu modernisieren?
Die großflächigen Kacheln von Metro sind vor allem Touch-orientiert und lassen sich mit den Fingern gewiss auch gut bedienen, doch was, wenn ich ein Arbeitsgerät vor mir stehen habe und damit Software entwickle, Formulardaten pflege oder Texte verfasse? Will ich da wirklich mit dem Finger auf dem Bildschirm herumfummeln? Keine Frage – Multitouch ist aktuell das ganz große Ding. Und logisch, dass Microsoft dazu auch eine Story braucht, allein schon, um die Wallstreet zufrieden zu stellen.
Es ist jedenfalls gut, dass Microsoft die Zeichen der Zeit erkannt hat und sich nun für die Post-PC-Ära wappnet, die Apple so furios mit dem iPad einläutete. Der PC, das Arbeitstier, und Microsofts Hauptprodukt, wird keinesfalls verschwinden, aber er wird sich den Markt zukünftig mit vielen unterschiedlichen mobilen und auch eingebetteten Devices teilen müssen. Darauf muss ein Betriebssystem Antworten geben. Ob aber ein One-Size-Fits-All-Betriebssystem die richtige Antwort ist, bleibt abzuwarten.
Die Eckpunkte für Entwickler sind schnell zusammengefasst. Zum einen bleibt alles beim Alten zum andern bieten sich viele neue Möglichkeiten. Microsoft bleibt seiner Strategie treu und wird auch mit dem neuen Windows die bestehenden Sprachen unterstützen. Für Entwickler bedeutet dies, dass sie weiterhin in C, C++, C# und Visual Basic programmieren können und auch Silverlight nicht aussterben wird. Neu hinzukommen die Möglichkeiten von HTML5, CSS und XAML, die von der neuen Expression Blend Version unterstützt werden.
Alle Windows-7-Anwendungen werden auch auf Windows 8 laufen. Möglich macht das der neue Kernel von Windows 8 und die neue Windows Runtime, kurz WinRT, mit scheinbar sehr mächtigen und flexiblen APIs. Neu sind die Metro Style Apps, die einmal programmiert auf allen Geräten mit jedem Formfaktor laufen sollen. Das Prinzip dahinter nennt Microsoft „immersive“ und meint damit wohl die nahtlose und vollständige Einbettung einer App in das Gesamtsystem. Glaubt man der Demo auf der BUILD, dann wird es auch leicht möglich sein, ältere Apps in die neue Umgebung einzubinden. Wie das im Detail funktioniert, wird für die Entwickler bestimmt die spannendste und interessanteste Neuerung.
Viel Spaß bei der Lektüre!
Sebastian Meyen, Chief Content Officer, S&S Media