Liebe Leserinnen, liebe Leser,
Google+ ist da. Und mit ihm ein neuer Hype. Fantastisch das schnelle Wachstum von Googles neuem Netzwerk. Benötigten Twitter und Facebook noch über zwei Jahre, bis sie die 20-Millionen-Nutzer-Marke knackten, dauerte es bei Google+ gerade mal 24 Tage.
Schon jetzt wird deutlich: die Googler sind gerade dabei, eine erfolgreiche Alternative zum Meganetzwerk Facebook zu platzieren. Was wir durchaus begrüßen wollen, denn Konkurrenz belebt ja das Geschäft und, viel wichtiger noch, lässt uns Nutzern mehr Wahlmöglichkeiten.
Im Kern geht es Google jedoch um viel mehr: nämlich um unsere Identität. Lassen Sie mich dazu ein wenig weiter ausholen. Vor ungefähr zehn Jahren, auf der Höhe des Web-Services- und XML-Hypes, gab es schon einmal Überlegungen zum Thema Identität im Web. Man sprach damals von Single Sign-on, kurz: SSO.
Microsoft brachte sein Hailstorm-Projekt auf den Markt und empfahl sich als Verwalter aller Identitäten der weltweiten Netzgemeinde. Hailstorm sollte, wo auch immer man sich gerade aufhielt (beim E-Commerce, Online-Banking oder als Mitglied eines Netzwerks), als zentraler Dienst auf sichere Weise für Authentisierung und Autorisierung sorgen.
Sun Microsystems, das damals reflexhaft alle Aktivitäten Redmonds mit einer Anti-Microsoft-Koalition erwiderte, bildete daraufhin die „Liberty Alliance“. Erklärtes Ziel war es, offene Standards für ID-basierende Dienste zu entwickeln, um proprietäre Technologien zu verhindern, und darüber hinaus Identitäten „föderiert“ zu verwalten. Die Grundidee: Kein einziges Unternehmen sollte die Identitäten alleine „besitzen“, vielmehr sollte ein ausgeklügeltes
Netzwerk vor Monopolbildung schützen. Keine schlechte Überlegung bei dem sensiblen Thema.
Aus Liberty wurde allerdings nichts, und auch Hailstorm, von Microsoft sogar als Herzstück seiner jungen .NET-Technologie apostrophiert, blieb nur eine Idee.
Erst das Web 2.0 und die Sozialen Medien rückten das Thema SSO wieder in den Blick. Nach und nach etablierten sich Facebook und Twitter als die heimlichen Verwalter unserer Identität. Durch ihre APIs begannen Webseiten anstelle einer eigenen Registrierung nur eine Authentifizierung via Facebook oder Twitter zu verlangen.
Dem konnte Google nicht länger tatenlos zusehen. Denn Facebook mit seinen aberwitzig großen Nutzerzahlen (inzwischen sind wir jenseits der 700 Millionen), stellt als geschlossenes System eine Gefahr für das offene Internet, mithin für Googles Geschäft, dar.
Google+ basiert übrigens auf einem deutlich flexibleren Identitätsmodell als jenes von Facebook. Das Konzept der Circles (zu Deutsch: Kreise), trägt nämlich der Tatsache, dass man immer zugleich Privatmensch und Berufstätiger, Familienmensch und Musikliebhaber ist, dass also Identität immer etwas Komplexes ist, wesentlich besser Rechnung als das eindimensionale Konzept von Facebook. Zudem erlaubt Google+ neben den Nutzern nicht nur symmetrische Freundschaften à la Facebook, sondern auch asymmetrische Beziehungen à la Twitter (ich folge dir, aber du folgst mir evtl. nicht).
Mit diesem differenzierten, aber dennoch einfach nutzbaren Konzept, gekoppelt mit der Tatsache, dass Google+ im offenen Web agiert, also kein geschlossenes System wie Facebook darstellt, könnte sich Google schon bald die Krone beim Identitätsmanagement aufsetzen. Wenn dann noch das angekündigte API kommt, mit dem sich der Google-Dienst in beliebige andere Dienste einbinden lässt, wird es vermutlich kein Halten mehr geben.
Google, Facebook, Apple, Microsoft – bekanntlich sollte man bei allen Großkonzernen wachsam sein und ihnen nicht im Voraus zu viel Vertrauen schenken, vor allem, wenn es um so sensible Themen geht wie Netzidentität. Für Google spricht allerdings, dass es ein Unternehmen ist, dessen Erfolg auf dem offenen Netz beruht, nicht auf dem privaten Mitgliedernetzwerk.
Wünschenswert wäre natürlich darüber hinaus, dass eine vielmehr Koalition von Organisationen und nicht ein Unternehmen allein die Betreuung der heiklen Daten übernimmt. Ganz wie damals von der Liberty Alliance beabsichtigt. Anwärter mit genügend Erfahrung im Umgang mit sensiblen Daten gäbe es gewiss einige: Amazon, eBay, PayPal, Apple ...
Sebastian Meyen, Chief Content Officer, S&S Media