Der Autor bereichert die Semantic-Web-Diskussion mit einigen innovativen Ansätzen. Das Buch bietet jedoch keinen praxisnahen Einstieg in die Thematik, wie das im Einleitungstext angekündigt wird, sondern vielmehr eine Ergänzung zum vorherrschenden Konzept eines semantischen Webs. Rolf Grütter hat sich viel vorgenommen: Er ist angetreten, um in seinem Werk die Themengebiete Semantic Web, Wissensgemeinschaften, Wissensmanagement und Knowledge Engineering mittels eines zentralen Konzepts, nämlich Schmids Konzept des Wissensmediums, zu verknüpfen. Weiter soll das Buch der Wissensvermittlung über das Semantic Web und über Wissensmedien dienen. Außerdem soll das Buch unter Zuhilfenahme eines Anwendungsfalls aus der klinischen Medizin praxisnahe Einblicke in Anwendungsszenarien für das Semantic Web liefern. Grütters Kraftakt besteht darin, vornehmlich „weiche“, aus der Soziologie oder aus den Kognitionswissenschaften stammende Konzepte zu verwenden, um z. B. das Phänomen „Wissen“ einzufangen, um sie dann mit Lösungen zu verknüpfen, die größtenteils Anleihen aus den exakten Wissenschaften im Sinne eines „Knowledge Engineerings“ nehmen. Der Autor liefert zwar eine äußerst fundierte Einführung in den technischen Unterbau des Semantic Web, konzentriert sich jedoch in weiterer Folge nur auf einen Aspekt der gegenwärtigen Semantic-Web-Entwicklung, nämlich der semantischen Beschreibung von Web Services. Dem Leser bleibt damit der weitaus dynamischere Entwicklungszweig eines „Web 3.0“ vorenthalten, nämlich das „Web of Data“, das sogar vom Weberfinder Tim Berners-Lee selbst als „Semantic Web done right“ bezeichnet wird. Grütters „Semantic Web“-Begriff bleibt also zu eng gefasst und leistet damit nicht das, was im Buchtitel eigentlich suggeriert wird, nämlich, dass das Semantic Web als Technologie zur Unterstützung von kollaborativen Wissensprozessen wertvolle Dienste leisten kann. Vielmehr gewinnt der Leser den Eindruck, dass Wissensprozesse mithilfe von Semantic-Web-Technologien „modelliert“ oder gar „engineert“ werden können, was für den im Buch beschriebenen Anwendungsfall definitiv nicht in die Praxis umsetzbar ist. Die Stärke des vorliegenden Bandes besteht jedoch darin, dass mit der Verbindung aus Medienkonzept und semantischem Web tatsächlich einer der ersten Versuche einer systematischen Herangehensweise unternommen wird, um das Semantic Web aus organisationaler Perspektive zu beschreiben. Da das vom WWW vorgelegte Konzept eines Semantic Web diese Dimension so gut wie gar nicht anspricht, kann davon ausgegangen werden, dass Güttel damit vor allem Proponenten eines „Corporate Semantic Web“ oder der „Pragmatic Web“-Forschung anspricht. Das Buch stellt also Forschern oder interessierten Langzeitbeobachtern der Semantic Web Community sicherlich einige neue Gedankenanstöße oder Innovationen vor, dürfte sich jedoch als Einstiegslektüre in die Materie weniger eignen.





